Wie ein Trauma unser Erleben verändert
Ein Trauma kann tiefgreifende Auswirkungen darauf haben, wie wir uns selbst und die Welt erleben. Es kann sich auswirken
- Wie sicher wir uns in der Welt und in unseren Beziehungen fühlen
- Wie der Körper reagiert (Kampf, Flucht, Erstarrung oder Zusammenbruch)
- Wie Gefühle entstehen (und uns manchmal überwältigen)
- Wie wir mit uns selbst und anderen umgehen
Bei Erkrankungen wie der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) kann die Fähigkeit zur Selbstregulation und Selbstreflexion während emotionaler Aktivierung vorübergehend zusammenbrechen. Während eines emotionalen Flashbacks können wir beispielsweise von unseren Gefühlen überwältigt werden oder dissoziieren und nicht in der Lage sein, uns selbst zu beobachten und zu regulieren.
Gleichzeitig kann Trauma die Fähigkeit zur Selbst-Beobachtung, Selbstreflexion und Selbstmitgefühl in der Regel nicht dauerhaft zerstören. Allerdings wird der Zugang zu dieser Fähigkeit zustandsabhängig, instabil und kann leicht von Überlebensreaktionen außer Kraft gesetzt werden. Wenn die Aktivierung nachlässt und das Sicherheitsgefühl zunimmt, kann die Fähigkeit zur Wahrnehmung, Reflexion und Regulation zumindest zeitweilig zurückkehren.
In der systemischen Therapie der inneren Familie (IFS) wird diese wiederherstellbare Fähigkeit zur Selbst-Beobachtung, Selbstreflexion und Selbstmitgefühl als das „Selbst“ bezeichnet. Die Therapie setzt keinen ständigen Zugang zu diesem Zustand voraus. Stattdessen arbeiten wir in der Therapie geduldig daran, die innere und relationale Sicherheit zu schaffen, die notwendig ist, damit das Selbst wieder in Erscheinung treten und sich allmählich stabilisieren kann.
Trauma beeinflusst unsere Erfahrung, aber es zerstört nicht unsere Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und zum Selbstmitgefühl. Diese Fähigkeiten können gestärkt und wiederhergestellt werden, was zu einer tieferen Heilung verletzter Anteile beiträgt.
Umgang mit Schutz- und Bewältigungsstrategien
Traumata können starke Abwehr- und Bewältigungsstrategien hervorrufen, wie Perfektionismus, Überarbeitung, Ablenkungsverhalten, Hypervigilanz, emotionale Taubheit, innere Kritik, Dissoziation und impulsives Verhalten. Bei komplexen Traumata können diese Schutzmechanismen schnell, intensiv und automatisch aktiviert werden – insbesondere in emotional aufgeladenen oder zwischenmenschlichen Situationen.
Infolgedessen kann der Zugang zu ruhiger, klarer und reflektierender Achtsamkeit (in IFS als „Selbst“ bezeichnet) unzuverlässig oder vorübergehend nicht verfügbar sein. Das bedeutet nicht, dass diese Qualitäten verloren gehen; vielmehr werden sie durch überlebensgetriebene Aktivierung verdeckt und benötigen gezielte Unterstützung, um wieder zugänglich zu werden.
Der folgende Abschnitt beschreibt, wie dieser Prozess aus der Perspektive der Polyvagaltheorie und des Internal Family Systems (IFS) verstanden werden kann.
Nervensystem-Perspektive: Sicherheit Wiederherstellen & Vorsichtig Entladen
Aus neurophysiologischer Sicht, basierend auf der Polyvagaltheorie, führt selbst chronisches Trauma in der Regel nicht zum vollständigen Verlust der Regulationsfähigkeit. Die Fähigkeit zur Selbstregulation wird jedoch zustandsabhängig und ist schwer aufrechtzuerhalten.
Somatische Ansätze wie Somatic Experiencing® konzentrieren sich daher darauf, Klienten dabei zu unterstützen, in kleinen, überschaubaren Schritten ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung wiederzuerlangen. Die Kultivierung der Körperwahrnehmung ermöglicht es Klienten, ihre Fähigkeit wiederzuentdecken, subtile Veränderungen wahrzunehmen, z. B. Erdung, Wärme, ein Gefühl von Weite oder die Erfahrung: „Ich kann das noch einen Moment länger aushalten.“ Durch diesen Prozess können hohe Belastungen durch traumatische Ereignisse schrittweise verarbeitet und abgebaut werden. Mit der Zeit fördert dies eine gesteigerte Fähigkeit, emotionale Erregung zu bewältigen und zu regulieren.
IFS-Perspektive – Anteile aus dem Selbst begegnen
Aus der Perspektive des Internal Family Systems (IFS) werden Schutzstrategien als von „Anteilen“ gesteuert verstanden. Diese Anteile entwickeln sich als Überlebensreaktionen, geprägt von überwältigenden Erfahrungen. Sie werden oft als Manager-Anteile beschrieben, die Gefahren präventiv begegnen, und Feuerbekämpfer-Anteile, die sofort eingreifen, wenn emotionaler Schmerz unerträglich wird.
In der IFS-Therapie werden Schutzanteile vom Selbst aus angegangen, d. h. durch die Kultivierung von ruhiger Präsenz, Selbstbeobachtung, Mitgefühl und Neugier. Anstatt konfrontiert oder herausgefordert zu werden, begegnet man den Anteilen mit Respekt, sodass sie sich gesehen und verstanden fühlen, anstatt bedroht. Wie in der somatischen Arbeit wird das Tempo behutsam und vom Körper und Nervensystem geleitet, wobei die innere und relationale Sicherheit im Vordergrund steht. Mit der Zeit, wenn die Selbstenergie besser zugänglich wird, können die Schutzanteile milder werden und ihre Dringlichkeit abnehmen.
Wenn schützende Überlebensreaktionen respektvoll behandelt werden, können diese Reaktionen abklingen – und Raum für Qualitäten des Selbst wie Neugier und Mitgefühl schaffen.
Therapie-Praxis: Zugang zum Selbst verbessern
In Therapiesitzungen achten wir auf subtile, aber bedeutsame Veränderungen, kleine Momente, in denen der Zugang zum Selbst leichter wird. Dies kann Folgendes umfassen:
- Eine Sprechpause
- Etwas langsamere Atmung
- Der Körper entspannt sich etwas mehr
- Ein Gefühl von Mitgefühl oder Berührtsein
In solchen Momenten kann sich die Perspektive verändern – nicht durch Anstrengung, sondern ganz natürlich.
In der Therapie werden diese Erfahrungen durch die sachte Unterstützung der Aufmerksamkeit bewusst zugelassen und ermöglicht. Dadurch können sich Schutzmechanismen nach und nach entspannen oder zurückziehen, sodass das Nervensystem sich besser regulieren kann. Gleichzeitig können weitere Qualitäten des Selbst wie Mitgefühl und Neugierde zum Vorschein kommen. Bei Erkrankungen wie komplexen Traumata können solche Erfahrungen flüchtiger oder unbeständiger sein und mehr „Übung“ erfordern, dennoch treten sie auf.
Daher setzt Therapie keinen ständigen Zugang zu einem Zustand des Selbst voraus. Vielmehr unterstützt sie die schrittweise Entwicklung innerer und sozialer Sicherheit, sodass diese Momente häufiger auftreten, länger andauern und stabiler werden können.
Therapie setzt keinen ständigen Zugang zu einem Zustand des Selbst voraus. Stattdessen unterstützt sie die schrittweise Entwicklung innerer und relationaler Sicherheit und lädt Neugier und Mitgefühl ein.
Was, wenn ich mich innerlich völlig zerbrochen fühle?
Manche Traumaüberlebende sagen Dinge wie:
„Ich finde keine Ruhe in mir“, oder „Ich fühle mich leer“, oder „Ich habe kein Selbst mehr.“
Diese Erfahrungen sind real und bei komplexen Traumata nachvollziehbar – insbesondere während in Phasen hoher Aktivierung („getriggered“), Dissoziation oder Beziehungskrisen. In diesen Zuständen kann die reflektierende Wahrnehmung völlig fehlen.
In der IFS-inspirierten Psychotherapie ignorieren wir diese Gefühle nicht. Wir verstehen sie als Ausdruck von Schutzmechanismen, die sich als Reaktion auf überwältigende Erfahrungen gebildet haben. Diese Anteile können traumabedingte Überzeugungen in sich tragen, die damals überlebenswichtig waren. Wenn wir diesen Mechanismen mit Respekt und Neugier begegnen, kann sich innerer Raum langsam öffnen.
Heilung fügt nichts Neues hinzu. Sie stellt den Zugang zu dem wieder her, was verdeckt war – schrittweise und in kleinen Schritten.
Fazit: Wiederherstellung des Zugangs zum Selbst
Im Mittelpunkt der Psychotherapie steht die Wiederherstellung des Zugangs zu angeborenen Fähigkeiten wie Stabilität, Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit. Anstatt eine grundlegende Transformation zu erfordern, geht es darum, wieder mit Qualitäten in Verbindung zu treten, die in langen Phasen des Überlebens und des Schutzes möglicherweise weniger zugänglich waren. Wenn diese Fähigkeiten wieder aktiv werden, kann sich die innere Erfahrung kohärenter und reaktionsfähiger anfühlen und so die Grundlage für nachhaltige Veränderung schaffen.
Schon kurze Momente ruhiger, reflektierender Achtsamkeit können bedeutende Veränderungen bewirken. Wenn sie zugänglich sind, lockern sie Schutzmuster, reduzieren die emotionale Intensität, erleichtern die Verarbeitung überwältigender Erfahrungen und lösen innere Spannungen. Mit der Zeit schaltet das Nervensystem vom Überlebensmodus hin zu Zuständen der Verbundenheit, der Reflexion und der Wahlfreiheit.
Körperorientierte Traumatherapie unterstützt diesen Prozess schrittweise und in einem Tempo, das die Sicherheit und die Grenzen des Nervensystems respektiert. Im Therapieverlauf wird eine geerdete Präsenz häufiger, verkörpert und stabiler.
Trauma prägt die Selbsterfahrung und die Weltanschauung tiefgreifend, doch es löscht nicht unsere Fähigkeit zu Achtsamkeit, Mitgefühl und Selbstregulation aus. Heilung bedeutet lediglich, einen sanften, schrittweisen und sicheren Zugang zu diesen angeborenen Qualitäten wiederzuerlangen.





